Stellungnahme zum Fahren mit einer Hand

Anfrage einer Leserin:

Wieviel Zeit vergeht, bis ein Autofahrer seine rechte "abgelegte" Hand bei Gefahr wieder am Lenkrad hat?

Ich denke es ist auf jeden Fall zuviel und ein Unfall wäre bei beiden Händen am Steuer vielleicht zu vermeiden gewesen. Dass es nicht bedeutsam ist, wie man mich glauben lassen will, kann ich nicht glauben.

Kurze Antwort: Einhändiges Fahren, egal mit welcher Hand, schränkt die Reaktionsmöglichkeiten des Fahrers ein und erhöht deswegen auch das Unfallrisiko. Als Beweis dafür, verweise ich auf die auf den Videoplattformen im Internet verfügbaren Videos von Rallye- und Rennfahrern. Diese fahren, soweit möglich, immer mit zwei Händen am Lenkrad.

Ausführlichere Antwort:

Wieviel Zeit vergeht, bis ein Autofahrer seine rechte "abgelegte" Hand bei Gefahr wieder am Lenkrad hat?

Studien zur Erfassung der Reaktionszeit unter Berücksichtigung der konkreten Sitzposition eines Autofahrers sind mir nicht bekannt, weswegen ich auf andere zurückgreife, die hier im Folgenden angegeben sind.

Ältere Menschen schützen sich mit Reaktionsschnelligkeit vor Stürzen

Dokument auf der Website des Instituts für Psychologie der RWTH Aachen

Ich hatte kurz überlegt, ob es Sinn machen würde, die Zeiten zu messen und habe mich dann dagegen entschieden. Zum einen genügen einige wenige Messungen mit nur wenigen Personen nicht für ein aussagekräftiges Studienergebnis und zum anderen gibt es bereits Testergebnisse für die Bewegungsdauer des rechten Fußes vom Gaspedal hin zum Bremspedal. Ich behaupte nun, dass die Bewegung der Hand inklusive Arm ähnlich lange oder sogar länger dauert als die Bewegung des rechten Fußes inklusive Bein. Wieso? In dem von mir konstruierten Szenario hat der Autofahrer mit der am Lenkrad verbliebenen Hand bereits eine Lenkbewegung zur Vermeidung einer Gefahrensituation ausgeführt oder ist noch mitten drin und versucht nun zusätzlich noch die freie Hand an der richtigen Position am Lenkrad "anzubringen". Das gelingt entweder suboptimal, dann werte ich das als durchgefallen, oder es gelingt mit höherem Aufwand, welcher einfach mehr Zeit kostet, als das primitive Bewegen des Fußes mit Bein vom Gaspedal zum Bremspedal.

Aber starten wir doch erstmal ganz einfach. Dazu gibt es im Internet viele Tests zur Messung der Reaktionszeit der Finger. Zwei davon empfehle ich hier zum Selbstversuch. https://reactiontimetest.org/de/f1-reaction-test/

https://www.dvr.de/themen/aeltere-menschen/online-test

Überspringen Sie bei Desinteresse alle Tests, bis Sie zu dem Test "Geteilte Aufmerksamkeit" kommen. Dieser hilft bei der Bewertung der eigenen Fähigkeiten.

https://daten.dvr.de/html/programme/aeltere-menschen/selbsttest/index.php

Nach den Tests hat man seine persönlichen Ergebnisse. Nehmen wir mal an, dass die Reaktionszeit bei 0,25 s gelegen hat. Nun sollte jedem klar sein, das man für die Bewegung des Unterarms, z. B. vom Oberschenkel bis hin auf die Höhe des Lenkrads noch deutlich mehr Zeit benötigt. Deswegen empfehle ich hier die Verdoppelung der erfassten Reaktionszeit, was dann 0,5 s ergibt. Mit dem Wert von 0,5 s liegt man dann ungefähr in dem Bereich, den Autofahrer bei Reaktionstests mit dem Fuß, beim Wechsel vom Gaspedal zum Bremspedal erreichen.

https://unfallanalyse.hamburg/?page_id=476

Wie bereits oben aber schon mal beschrieben, ist es beim Lenkrad deutlich komplizierter, weil hier von einer Gefahrensituation ausgegangen wird, in der das Lenkrad bewegt werden muss. Wenn das Lenkrad nicht bewegt werden muss, weil man sich in einem einspurigen, engen Tunnel befindet, dann ist das mit der zweiten Hand vernachlässigbar. In diesem Fall sind die angenommenen Bedingungen aber andere. Es wird davon ausgegangen, dass das Lenkrad bewegt werden muss, um die Gefahrensituation zu vermeiden. Der Autofahrer wird instinktiv oder weil er es gelernt hat, das Lenkrad einhändig bewegen und nicht warten, bis die zweite Hand am Platz ist. Aber wann ist die zweite Hand am richtigen Platz? Ich weiß nicht, wie der normale Autofahrer das Kunststück vollbringen will, bei sich bewegendem Lenkrad und ohne hinzuschauen die richtige Position zu finden.

Ich weiß aber, wie ich es messtechnisch erfassen würde, ob der Autofahrer das sich bewegende Lenkrad an der richtigen Stelle erfasst. Aber auch das können wir uns sparen, weil die Durchfallquote definitiv größer 50 % sein wird. Welchen Beleg gibt es dafür? Dazu ziehe ich die (auf eigenen Beobachtungen beruhende) Durchfallquote der Teilnehmer von Sicherheitstrainings auf der sogenannten Schleuderplatte heran. Mehr als 50 % der Teilnehmer beherrschen ihr Fahrzeug nach dem Überfahren der Schleuderplatte beim ersten Fahrversuch nicht, obwohl sie beide Hände am Lenkrad haben.

Ist es wirklich unbedeutend, dass ein Fahrer seine rechte Hand vom Lenkrad nimmt, oder könnte dies das Unfallrisiko erhöhen und Unfälle vermeiden, wenn beide Hände am Steuer bleiben?

In dem hier betrachteten Szenario behauptet also ein Autofahrer, dass er die (beliebig) im Straßenverkehr auftretenden Gefahrensituationen zumindest temporär einhändig beherrscht, obwohl in Trainings die Trainingsteilnehmer mehrere Versuche und beide Hände am Lenkrad benötigen, um vorgegebene Situationen zu beherrschen. Solche Ausnahmetalente mag es geben, aber auch diese fahren sicherer mit zwei Händen am Steuer.

Könnte das Risiko eines Unfalls verringert werden, wenn Fahrer beide Hände am Lenkrad behalten?

Ja.

Die Bedenken sind berechtigt.

Hier noch ein letzter Versuch, für zwei Hände am Lenkrad Werbung zu machen.

  1. Es geht bei der Vermeidung von Gefahren um das Erkennen sowie das Bewältigen einer unangekündigten, unbekannten Situation! Es geht nicht um die Bewältigung einer sich ständig wiederholenden, immer zur gleichen Zeit, am gleichen Ort auftretenden Situation.

  2. Woran liegt es denn eigentlich? Es liegt an der fehlenden Muskulatur, an Verspannungen und oder der Bequemlichkeit, weswegen Autofahrer einhändig fahren! Ursache erkannt, Problem gebannt, könnte man denken. Es ist die Faulheit des Menschen, die in Kombination mit fehlender Achtsamkeit für den eigenen Körper dann zu diesem Problem führen kann.